Dies ist eine Szene, wie wir sie oft erlebt hatten am BC Bike Race in Kanada, auch als das Etappenrennen mit dem grössten Singeltrack-Anteil propagiert. 525km in sieben Etappen führten vom Start in Victoria nach Whistler.
Erst ein halbes Jahr vor dem Startschuss entschieden wir uns, dass wir alles geben wollen, um in Kanada an der Startlinie zu stehen. Der Herausforderung der Wälder von British Columbia wollten wir uns stellen. In diesem Jahr gab es viel zu tun, denn durch unser begrenztes Budget mussten wir uns Gedanken machen wie wir dieses Vorhaben finanzieren wollen. Nun verbrachten wir nicht nur viel Zeit auf dem Bike, sondern auch mit Sponsorensuche, PR-Arbeit und der Organisation unseres Rennens. Schlussendlich erwies sich schon nur der Weg nach Kanada als eine spannende, wenn auch arbeitsreiche Zeit. Die Zeit raste und als der Abflug bevorstand konnten wir es erst kaum glauben: Alles was wir im letzten halben Jahr angepackt haben hat geklappt und jetzt kam die Belohnung für die ganze Vorbereitung.
Das erste Mal sahen wir nun das Logo des BC Bike Race, welches uns seit einem halben Jahr in den Köpfen begleitet, in Echt. „Day Zero“, der Tag vor dem Start, fand auf dem Gelände der Shawnigan Lake School statt. Die Gebäude und Räume der Privatschule erinnerten uns an Hollywood-Filme. Mit Fotos der Football-, Rugby-, Basketball- oder Soccermannschaften und der Cheerleaders in der „Hall of Fame“, sowie Bilder der Abschlussklassen in Schuluniformen und die riesige Verpflegungshalle, wurden Erinnerungen an Harry Potter-Filme wach. Diese für uns unbekannte „Welt“ zu entdecken war spannend.
Doch dafür blieb wenig Zeit, denn an verschieden Posten konnte man alle Startunterlagen und Werbegeschenke abholen, sowie den Bag in den man sein Gepäck unterbringen musste und der vom Veranstalter jeweils vom Start zum Ziel transportiert wurde. Nachdem wir unsere Bikes ausgepackt und unsere Bags für die Woche mit dem persönlichen Gepäck gepackt hatten, besuchten wir noch die Pressekonferenz mit den Stars des Rennens. Um elf Uhr, nach einem köstlichen Abendessen, konnten wir es uns das letzte Mal für eine Woche in einem Bett, wo üblicherweise Schüler übernachten, bequem machen.
Endlich fiel der Startschuss, wir beide waren nervös. Wie wird die Strecke sein, können wir alles fahren? Sind wir gut in Form? Wie sollen wir uns das Rennen einteilen? Das waren nur ein paar der Fragen, die uns durch den Kopf gingen. Bald gerieten diese Gedanken in den Hintergrund, denn die Strecke nahm die gesamte Konzentration in Anspruch - wir bogen ein in unseren ersten Singeltrack in Kanada. Umgeben von riesigen Bäumen suchten wir den Trail unter dem dichten Farn, unterbrochen von derart steilen Auf- und Abstiegen, dass man das Bike schultern musste um hinauf oder hinab zu klettern. Genau so haben wir uns das vorgestellt, dass die Trails so schön zu fahren sind, dass man den Wettkampf vergisst. Also zum Anfang nicht schlecht und wie sich herausstellte, sollte es so weiter gehen, wobei sich der Charakter der Strecken jeden Tag änderte. Den ersten Tag beendeten wir auf dem 16. Rang. Nicht schlecht, wenn man bedenkt, dass wir zu Beginn viele Competitors überholen mussten und dadurch auf den schmalen Trails recht viel Zeit verloren.
Der zweite Tag passte gar nicht ins Konzept des BC Bike Race. Weil Winterstürme viele Wege zerstört hatten, wurden die 126km der Strecke grösstenteils auf Logging Roads verlegt. Dies sind gut 10 Meter breite Kiesstrassen, auf denen von den vorderen Fahrern und den entgegenkommenden Autos so viel Staub aufgewirbelt wurde, dass man kaum etwas sah. 33 Grad und pralle Sonne machte das Rennen zur Qual und Rämu hatte im Rennverlauf immer mehr Mühe mit diesen Bedingungen. Eigentlich hätten wir heute unsere konditionellen Stärken ausspielen können, denn es hatte nur am Schluss ein paar technische Passagen, auf denen wir den Vollblutbikern unterlegen waren. Daraus wurde nichts, denn Rämu konnte froh sein, heute die Ziellinie zu sehen und Simu musste alle Führungsarbeit leisten. So fuhren wir mit grossem Rückstand in Cumberland ins Ziel – was für eine Enttäuschung.
Der dritte Tag war dann mit vielen traumhaften Singletracks wieder BC Bike Race würdig. Es wurden viele Gravel Roads, auf Deutsch Kiesstrassen, angekündigt - immer wieder unterbrochen von Singletracks. Rämus Form war leider noch nicht zurückgekehrt. Während Simu „locker“ neben ihm fuhr, war er die ganzen 80km am Anschlag und musste leiden. Wir machten das Beste aus der Situation und genossen die Strecke. Die Aufstiege bikte man grösstenteils auf Gravel Roads. In den Downhills fuhr man immer wieder in schnelle Trails hinein, die echt Spass machten. Steilwandkurven, kleine North Shore Brücken, Wurzeln und kleine Sprünge waren unsere Hindernisse. Immer wieder mussten wir einander bestätigen, dass das wirklich passiert, so traumhaft war die Strecke. Als wir dann aus dem Wald auf eine scheinbare Lichtung fuhren stellte sich heraus, dass dies ein Bach ist, den wir überqueren mussten. Anfangs sah das noch harmlos aus, doch die Wassertemperatur war nicht gerade badetauglich und auf der anderen Seite musste man einen steilen Abhang hinaufklettern, bei dem man dem Vordermann zuerst das Bike reichen musste, um mit beiden Händen klettern zu können. Ausgerechnet, als Rämu im Wasser stand gab es vor ihm einen Stau. So stand er hüfttief im Wasser, während das Gefühl in seinen Beinen langsam verschwand und sich dies bei der anschliessenden Kletterei nicht als Vorteil erwies.
Am Abend des dritten Tages fühlte Rämu sich dann schon deutlich besser als 24 Stunden zuvor; die Aufholjagd konnte losgehen. So sollte es sein! Am Day 4 war der Start erst um 11Uhr angesetzt. Es war zugleich „Canada-Day“. Doch nichts mit ausschlafen, denn heute fand vor dem Start der lange Transfer aufs Festland statt. Um 4.30 Uhr krochen wir aus dem Zelt. Sofort musste alles eingepackt werden, denn der Zeitplan war eng. Also rasch den Bag beim Lastwagen abgeben und in den School Bus sitzen, der uns zur Fähre brachte.
Auf der Fähre gab es das Morgenessen und man hatte Zeit sich umzuziehen. Nach der Fähre folgte eine Fahrt mit Schulbussen, um dann für die Durchquerung eines Fjords wieder auf eine Fähre zu gelangen.
Um 10.30 Uhr sind wir angekommen, dann hiess es Bikes holen, welche separat transportiert wurden und einstehen zum Start. Der Transport klappte perfekt und der Start zur heute gut 60km langen Strecke konnte pünktlich erfolgen. Gestartet wurde direkt ab der Anlegestelle der Fähre.
Bald spürten wir, dass es heute wirklich besser läuft und wir gaben richtig Gas. In den Aufstiegen waren wir den meisten Teams überlegen und konnten Platz um Platz gut machen. Leider waren die Aufstiege meist nicht besonders lang, so betrug der längste Aufstieg nur gerade 4km. Die Strecke führte an diesem Tag jedoch tendenziell die ersten 50km aufwärts, um mit einer 10km langen Abfahrt bis ins Ziel zu enden.
Wieder fuhren wir endlose Singeltracks, die jetzt von Tag zu Tag schwieriger zu fahren waren. Wir fanden immer mehr Gefallen an den technischen Trails, auch wenn wir dort meist viel Zeit verloren. Oft dachten wir, dass uns viele Biker beneiden würden für dieses Abenteuer. Die Singeltracks führten ein bis zwei Stunden wellig, flach oder leicht steigend durch den Wald und wir vergassen fast das Rennen. Wir hatten einfach Lust, mit viel Speed über Brücken und Wurzeln zu rasen.
Wir spürten beide, dass heute unser Tag ist. Wir arbeiteten uns nach vorne und im letzten Anstieg sahen wir das sechste und siebte Team vor uns, welche sogleich wieder im letzten Downhill verschwanden. Wir versuchten den Schaden in Grenzen zu halten, doch für Simu war die Abfahrt nicht gerade einfach und so unterstützten wir uns so gut als möglich, denn wir hatten unser Ziel mit einemTop Ten Platz vor Augen! Der Downhill spuckte uns schliesslich auf dem 10. Rang aus dem Wald raus und wir schossen dem Ziel in Sechelt entgegen. What a Day!
Die letzten drei Tage waren geprägt durch Trails mit Absätzen, North Shore Brücken, Steinen, Wurzeln, steilen Rampen und verschiedensten Untergründen. Simu und ich sprachen viel darüber, dass sich niemand wagen würde derart lange technische Passagen bei Rennen in der Schweiz einzubauen. In Kanada ist das wohl einfach normal und so ist das allgemeine technische Niveau der einheimischen Biker auch viel höher.
Wir entschlossen uns diese Tage, uns nicht verrückt machen zu lassen, wenn wir in den Downhills überholt wurden, trotzdem alles zu geben, aber auch einfach die Strecke zu geniessen. Top Ten Klassierungen lagen knapp nicht mehr in Reichweite. Doch daran verloren wir nicht viele Gedanken, denn der Kampf gegen die eigene Angst vor einem Hindernis oder einer schwierigen Stelle in einer Abfahrt wurde zur spannenden Herausforderung.
Der letzte Tag fand mit Start und Ziel in Whistler statt. Whistler, das Bike Mekka. Dieses Klischee wurde voll und ganz bestätigt. Hier sind viele Wege nicht für Biker gesperrt, sondern für Wanderer!
Rund um Whistler gab es viele Trails, welche speziell für Biker gebaut wurden. Sie sind meist mit Namen bezeichnet und genau diese verschiedenen Trails wurden für den finalen Tag zu einem fast 50km langen Rundkurs zusammengeschlossen. Bear Creek Trail, Home Run, See Coulors and Puke, Cheakamus River, Tunnel Vision und zum Schluss die Lost Lake Trails, das waren einige Namen der Trails, welche wir an diesem Tag fahren durften. Was für ein Tag, am liebsten hätte man an einigen Stellen umgedreht und es nochmals zu versucht, ob man nicht ohne Fusskontakt mit dem Boden über die Stufe oder Brücke kommt.
Im Ziel waren wir dann stolz, dies alles gemeistert zu haben. Wir mussten feststellen, das hier nicht nur die physische Fitness zählt, sondern vor allem auch, wie gut man mit dem Bike über Hindernisse kommt und wie schnell man technische Downhills meistert. Doch wie soll man das in der Schweiz trainieren? Denn Trails, die hier 20km lang sind findet man bei uns in der Art höchstens in der Länge von ein paar Kilometern.
Das ganze Rennen war ein riesen Abenteuer, in welchem man den Konkurrenzkampf durch viel Spass und der unendlich schönen Gegend in riesigen Wäldern vergisst. So sahen wir unterwegs, ausgenommen bei Start und Ziel, nur gerade ein paar wenige Häuser!
Das Glück war auch sonst auf unserer Seite, hatten wir doch nie einen platten Reifen oder sonstige materielle Probleme zu beklagen! Sehr aussergewöhnlich bei diesen Bedingungen! Wir hatten auch kein Regen während der ganzen Woche, nur ein kurzer Wolkenbruch vor dem Day 6, bei welchem aber die Trails trocken blieben.
Am Ende hatten wir erstmals genug von technischen Trails und wir freuten uns auf eine Woche Ferien, um zu sehen, was Kanada neben traumhaften Biketrails auch noch zu bieten hat. Was für ein Rennen! Wir haben viel gelernt und gesehen. Und doch kommt es uns manchmal immer noch unwirklich vor, das alles wirklich erlebt zu haben.








